Wildfütterung


auf den Punkt gebracht

Wildfütterung
In Bayern

Kraftfuttermischung

A) Rechtslage:


Grundregeln:

Als allgemeine Jagdschutzbestimmung besagt § 23 BJagdG: „…den Schutz des Wildes insbesondere … vor Futternot“. Wild = alle in § 2 BJagdG aufgeführten jagdbaren Tierarten.

Nach § 1 Abs. 1 + 2 BJagdG und Art. 1 BayJG besteht die Pflicht zur Hege. Das heißt die Erhaltung eines den landschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepassten, artenreichen und gesunden Wildbestandes, sowie die Pflege, Sicherung und Verbesserung seiner natürlichen Lebensgrundlagen. Die Hege muss so durchgeführt werden, dass Beeinträchtigungen einer ordnungsgemäßen land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Nutzung, insbesondere Wildschäden vermieden werden.

Diese Grundregeln des geltenden Jagdrechtes werden in Bayern nochmal in Art. 1 Abs. 2 Ziff.2 BayWaldG explizit bekräftigt und heißen schlichtweg Wald vor Wild.

Detailregeln:
Als erstes verpflichtet Art. 43 Abs. 1 BayJG die Revierinhaber im Zusammenwirken mit den Grundstückseigentümern (auch diese stehen in der Pflicht !!!) zum Schutz und zur Pflege der natürlichen Lebensgrundlagen des Wildes, damit das Wild auch in der vegetationsarmen Zeit natürliche Äsung vorfindet. Auch die Jagdgenossenschaft ist verpflichtet, …“für die Lebensgrundlagen des Wildes in angemessenem Umfang und im Rahmen ihrer Leistungsfähigkeit zu sorgen“ (§ 4 der Anl. I zu § 5 AVBayJG). Fragen Sie Ihren Beratungsförster oder Wildlebensraum-berater nach aktuellen Fördermöglichkeiten. Das StMfELuF stellt gem. Art. 26(1)1 BayJG hierfür Mittel aus der Jagdabgabe zur Verfügung.

Erst in Abs. 3 des Art. 43 BayJG (also nachrangig !!!) ist eine Fütterungspflicht (aller Wildarten) zur Notzeit vorgesehen. Wann genau Notzeit ist und wie dann die Fütterung auszusehen hat, ist teilweise in den Hegerichtlinien wie folgt geregelt:
Hegeziel: 1.2.3 …sind Maßnahmen zur Schaffung von zusätzlicher naturnaher Äsung und Deckung erforderlich… 1.2.4 …Ab Januar soll sich die Fütterung auf die Darreichung von Erhaltungsfutter beschränken, weil der Nahrungsbedarf des Wildes im Hochwinter stark abgemildert ist… 1.2.5 Durch die Fütterung des Wildes darf das Hegeziel nicht gefährdet werden (Art. 43 (2) 1 Bay JG).



Jagdrechtskommentar (Frank/Käsewieter):
Futternot: Wenn das Wild wegen der Witterungs- und Bodenverhältnisse die zur Existenz notwendige natürliche Äsung längere Zeit nicht vorfindet (S. 305).
Notzeit: …z.B. langer Frost, starke Schneedecke, Vereisung… Es genügt schon die einmalige Einbringung von Heu in die überdachte Futterraufe… Die Fütterung erfolgt, um bei Nahrungsengpässen dem Wild zumindest Erhaltungsfutter vorzulegen… Eine Fütterung außerhalb der Notzeit widerspricht dem Hegeziel und muss im Interesse von Wild und Jagd unterbleiben (S. 218 Nr. 10).


Verbote oder Einschränkungen:

1.) Die Länder können die Fütterung von Wild untersagen oder von einer Genehmigung abhängig
machen (§ 28 Abs. 5 BJagdG).
2.) Durch die Fütterung darf das Hegeziel nicht gefährdet werden (Art. 43 Abs. 2 BayJG + Hege und
Richtlinien für die Bejagung des Schalenwildes in Bayern).
3.) Rotwild darf außerhalb der Rotwildgebiete nicht gefüttert werden (Art. 43 Abs. 3 Satz 2 BayJG).
4.) Schalenwild darf im Bereich von Schutzwäldern nicht gefüttert werden, wenn dadurch die
Schutzfunktion des Waldes beeinträchtigt wird (§ 23a Abs. 2 Ziff. 3 AVBayJG).
5.) Schalenwild darf außerhalb der Notzeit nicht gefüttert werden (§ 23a Abs. 2 Ziff. 2 AVBayJG).
6.) Futtermittel, die nach Zusammensetzung, Qualität oder Menge den ernährungsphysiologischen
Bedürfnissen der jeweiligen Wildart nicht entsprechen, dürfen nicht ausgebracht werden
(§ 23a Abs. 2 Ziff. 1 AVBayJG).
7.) Es ist verboten, einem Tier Futter darzureichen, das dem Tier erhebliche Schmerzen, Leiden
oder Schäden bereitet (§ 3 Ziff. 10 TierSchG). Das ist z.B. bei Kraftfutter mit hohem
Kornanteil der Fall, weil dies zu Pansenübersäuerung und sogar zum Tot führen kann.
8.) Rehwild darf in Hoch- und Berglagen generell nicht gefüttert werden.
(Hegerichtlinien des ByStMfELF v. 21.5.1992 / Anh. I Ziff. 1.2.6.)
9.) Um eine missbräuchliche Wildfütterung zu verhindern, kann die Jagdbehörde die erforderlichen
Regelungen im Einzelfall treffen (§ 23a Abs. 1 BayJG).

Nur zum Vergleich: In Baden-Württemberg sind Wildfütterungen generell verboten!

Zusammenfassung Rechtslage:
In den Grundsätzen des geltenden Bundesjagdrechtes ist eine ausdrückliche Fütterungspflicht von Wild nicht vorgesehen. Detailregelungen finden sich erst im Landesjagdgesetz. Im Bayerischen Landesjagdgesetz hat die natürliche Äsung Vorrang. Erst danach rangiert eine vage Fütterungspflicht, näher erläutert in den Hegerichtlinien. Um ein Überschießen dieser vagen Fütterungspflicht einzugrenzen, sind eine ganze Reihe von Umständen, bei denen Füttern von Schalenwild ausdrücklich verboten ist, geregelt.

B) Fachmeinungen

- Der Stoffwechsel des Rehes kann Eiweißanteile von mehr als 8% nicht mehr verwerten.
Fütterung verstärkt die Verbißproblematik. Kraftfutter schädigt beim Reh die inneren Organe.
Rehwildsymposium Helmbrechts v. 31.3.2012 Ralph König, FAR.
- Wir halten eine Fütterung von Rehwild im Flachland in jedem Fall nicht für nötig.
Dr. Ralf Straußberger, Fachreferent für Wald und Jagd beim Bund Naturschutz Bayern.
- Zu hoher Körneranteil im Futter führt bei Rehwild zu blutiger Labmagen-Dünndarm-Entzündung
und endet meist mit dem Tod. Dr. vet. Albrecht v. Braunschweig. Buch „Wildkrankheiten“
Landbuchverlag.
-
Die häufigsten Fütterungsfehler bei Rehwild sind die Verabreichung zu kohlehydratreicher Nahrung
( z.B. Getreidekörner), die dann zu Pansen Übersäuerung führt. Univ.-Doz. Dr. Armin Deutz, Amtstierarzt.
- In wirklichen Notzeiten wären aus Tierschutzgründen im Übrigen alle Wildtiere zu füttern. Das
Futter muss bedarfsgerecht, artgerecht und ausschließlich Erhaltungsfutter sein. Die Verabreichung
von Futtermitteln, die gesundheitliche Störungen hervorrufen können (z.B. Kraftfutter) ist unbedingt
abzulehnen, und stellt einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz dar (§ 3 Ziff. 10 TierSchG).
Dr. Michaele Knoll-Sauter, Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
Oberschleißheim, Schriftenreihe des Landesjagdverbandes Bayern,
Tierschutz in der Jagd, S. 63 - 66.
- Im Schalenwildmanagementplan für die Hochwildhegegemeinschaft Sonthofen,
erstellt im Sept. 2012 von der technischen Universität München, wird empfohlen,
Rehwild generell nicht mehr zu füttern. Prof. Dr. W. Schröder, Janko, Wotschikowski, König. (Schalenwild und Bergwald TUM).
- Rehwild kommt ohne Fütterung aus. Kraftfuttergaben sind artwidrig. (Erörterung zur Frage der
Wildfütterung WBV Holzkirchen Ully Schweizer)


C) Wildbiologie

Unsere heimischen Schalenwildarten sind entwicklungsgeschichtlich mehrere Millionen Jahre alt. Sie haben Warm- und Eiszeiten ohne künstliche Fütterung durch den Menschen überstanden. Dieser Evolutionsprozess bewirkte eine Anpassung der Wildtiere an die winterlichen Nahrungsengpässe. Sie schränken ihre Bewegungen stark ein, zehren von ihren Fettreserven und fahren ihren Stoffwechsel herunter. Eine anlockende und besonders schmackhafte künstliche Fütterung wirkt hier kontraproduktiv. Kraftfuttergaben sind noch widersinniger. Die dabei einhergehende Wildkonzentration verursacht vermehrt Verbiss. Natürliche Äsung ist nicht nur eine gesetzliche Vorgabe, sondern macht auch biologisch Sinn. Lasst doch Wildtiere Natur sein. Die künstliche Fütterung wird sonst zum Teufelskreis. Überpopulationen werden zum Schadfaktor, weil sie ihren eigenen Lebensraum übernutzen und dann natürliche Äsung zur Mangelware wird.

Es kommt ja auch Keiner auf die Idee Dachse, Fischotter oder Seehunde durch den Winter zu füttern, und die dafür notwendigen Fütterungsanlagen zu unterhalten.

Bei den Wasservögeln hat sich mittlerweile landesweit die Erkenntnis durchgesetzt, diese grundsätzlich nicht mehr zu füttern. An vielen Gewässern wird deshalb mit Hinweistafeln die Bevölkerung von der unsinnigen Wasservogelfütterung abgehalten. Bei manchen Jägern steht aber wohl mehr das Eingennutzinteresse auf möglichst üppige Schalenwildbestände mit möglichst starken Trophäen im Vordergrund, weshalb allzu oft „auf Teufel komm raus“ Reh und Hirsch buchstäblich gemästet werden. Das ist dann aber schlichtweg nicht nur wildbiologischer Unsinn, sondern auch verboten (§ 23a AVBayJG, missbräuchliche Schalenwildfütterung) und bringt darüber hinaus im Ergebnis mehr Schaden als Nutzen.


Seit 2000 im Netz, überarbeitet am 22.02.2016, Reiner Gubitz